Solarteam BvSG Zurueck

Veröffentlicht in den unw-nachrichten vom Oktober 2000



Auf dem Weg zur Solarschule

Margit Fluch


Wenn man in Bayern eine Photovoltaik-Demonstrationsanlage besichtigen will, muss man nicht weit fahren: Das ganze Land ist mit einem Netz solcher Anlagen überzogen. Spätestens nach 20 Kilometern findet man eine Schule, auf deren Dach eine PV-Anlage montiert ist; gut geschützt vor Vandalismus - aber auch geschützt davor, das Interesse von Schülern und Eltern zu wecken. Fast 500 dieser 1kWp-Anlagen hat vor Jahren das Bayernwerk gesponsert.

Das Bertha-von-Suttner-Gymnasium ist eine der wenigen Schulen, die sich damals nicht um den Bau einer solchen Anlage beworben haben. Dass nun die Solarstiftung Ulm/Neu-Ulm in großzugügiger Weise 25.000 DM zur Verfügung gestellt hat, um jetzt unserem Gymnasium in Neu-Ulm den Bau einer Solaranlage zu ermöglichen, muss also einen besonderen Grund haben. Unsere Schule hat diese Förderung dafür erhalten, dass sie den Bau der Anlage in einen größeren Kontext gestellt hat: Sie hat sich das Ziel gesetzt, "Solarschule" zu werden. Seit dem Schuljahr 1999/2000 ist das Gymnasium aktives unw-Mitglied und hat mit Unterstützung des Schwerpunkts Energietechnik der Fachhochschule Ulm ein didaktisches Konzept entwickelt, wie man Schülern auf motivierende Weise Solartechnik als die Energietechnik der Zukunft nahebringen kann.

Wesentlicher Bestandteil des unw-Projekts "Solarschule Bertha-von-Suttner-Gymnasium" ist der Bau einer Photovoltaikanlage der besonderen Art durch die Schüler der Energie-AG des Gymnasiums: Die Anlage sollte nicht auf dem Dach der Schule versteckt werden, sondern für die Schüler sichtbar und einladend auf dem Schulgelände neben dem Biotop stehen. Sie sollte nicht nur Energie ins Netz einspeisen, sondern auch Versuche im Physikunterricht ermöglichen und daneben noch Unterbringungsmöglichkeiten für unterrichtsrelevante Gegenstände wie Solarkocher, Tische und Bänke etc. bieten. Sie sollte darüberhinaus die beiden Einsatzmöglichkeiten eines Solargenerators verdeutlichen: als netzgekoppelte Anlage und als Inselanlage. Sie sollte vor allem auch dem Betrachter die positive Botschaft vermitteln, dass Solarenergie etwas Schönes, Innovatives ist, das man gerne selbst einsetzen möchte. Unser Architekt, Herr Dipl. Ing. Hansjörg Fesseler, hat uns dazu mit einem pfiffigen Entwurf ein Stück Solararchitektur beschert, das genau diesen Intentionen Rechnung trägt.

Der Bau der Anlage ist ein zweijähriges Unterrichtsprojekt in Form eines zweistündigen Wahlkurses. Unter fachlicher Betreuung der Fachhochschule Ulm sind die Schüler der Energie-AG weitestgehend in die Planung, Errichtung und Inbetriebnahme der Anlage eingebunden.

Am 11. April 2000 fand unter Beteiligung von viel Prominenz, begleitet mit Grußworten von Herrn Landrat Geßner sowie von Frau Oberbürgermeisterin Dr. Merk, die Feier des ersten Spatenstichs statt und am 5. Juli konnte der erste Bauabschnitt eingeweiht werden. Gott sei Dank spielte das Wetter mit, so dass die Schüler bei schönster Sonne gleichzeitig ihre an der Fachhochschule Ulm in 30 Arbeitsstunden gebauten, ferngesteuerten Solarautos vorführen konnten. Diese Modellautos hat die Solarstiftung Ulm/Neu-Ulm anschließend den Schülern für ihren großartigen Einsatz beim Bau der Solaranlage gestiftet.

Der erste Bauabschnitt des Solarprojekts, zu dem neben 12 Solarmodulen auf einer Holzständerkonstruktion noch ein Messwarthäuschen, ein Wechselrichter, eine Anzeigetafel sowie ein Laptop zur Visualisierung der erfassten Messdaten gehören, verursachte Kosten von ca. 100.000 DM, die zu 20% vom Landkreis Neu-Ulm als Sachaufwandsträger übernommen wurden. Die restlichen, mehr als 80.000 DM wurden von der Energie-AG getragen bzw. eingeworben. Den größten Teil davon, nämlich 28.000 DM stellten die Schüler zur Verfügung eine ganz außergewöhnliche Leistung, die sicherlich ihresgleichen sucht: 21.000 DM davon sind Preisgelder aus Energiesparwettbewerben (6.000 DM aus dem Energiesparwettbewerb der landkreiseigenen Schulen, 15.000 DM Preisgeld aus dem bundesweiten Wettbewerb "Solarschulen 2000" der Allianz-Umweltstiftung); 7.000 DM brachten die Schüler in Form von Eigenleistungen auf: Verbretterung des Messwarthäuschens, Verlegung des Dielenbodens, Gerüstbau, Montage der Metallträgerkonstruktion zur Aufnahme der Solarmodule (eine Pfosten-Riegelkonstruktion, wie sie bei Wintergärten zum Einsatz kommt), Montage der Solarmodule, Streicharbeiten. 25.000 DM kommen von der Solarstiftung Ulm/Neu-Ulm, außerdem konnten über 20.000 DM Firmenspenden eingeworben werden. Der Rest kommt durch die Einspeisevergütung herein (20 Jahre lang 850 DM), was einem vom Landkreis vorfinanzierten Einmalbetrag von 9.000 DM entspricht.

Die Dachfläche der Holztragekonstruktion ist mit 24 qm so groß ausgelegt, dass der neztgekoppelte Teil der Anlage im zweiten Bauabschnitt um ein weiteres kWp auf insgesamt 2 kWp erweitert werden kann. Der Föderverein des Gymnasiums hat zugestimmt, dass ab dem kommenden Schuljahr die Schüler der Energie-AG diese Anlagenerweiterung als "Energieagentur" unter dem Dach des Fördervereins gewerblich betreiben. Sie sollen dabei in Zusammenarbeit mit dem Leistungskurs "Wirtschaft und Recht" berechnen, erfahren und demonstrieren, dass mit Inkrafttreten des Einspeisegesetzes die nach wie vor weitverbreitete Behauptung, Solarstrom rechne sich nicht, ein überholtes "Totschlagargument" ist.

Meine Schüler freuen sich außerdem darauf, im kommenden Schuljahr - neben der geplanten Ergänzung mit Batterie, Laderegler und Gleichstromverbrauchern zu einer Inselanlage sich endlich auch in die Physik der von ihnen eingesetzten Anlagenkomponenten einarbeiten zu können. Für diesen Aspekt des Wahlkurses blieb ihnen im ersten Bauabschnitt - wegen ihres immensen Arbeitseinsatz - leider keine Zeit mehr.

Das Konzept des unw-Projekts "Bau einer Solaranlage am Bertha-von-Suttner-Gymnasium" hat die Innovationsberatungsstelle des Bayerischen Wirtschaftsministeriums so beeindruckt, dass das Wirtschaftsministerium für den zweiten Bauabschnitt Fördermittel in Höhe von 50% der Baukosten zugesagt hat; das ist der Höchstfördersatz für innovative Demonstrationsanlagen. Damit müssen für die geplanten Anlagenerweiterungen nebst einigen Gleichstromverbrauchern keine weiteren Mittel des Landkreises mehr in Anspruch genommen werden.

Das pädagogische Konzept für Bau und Unterrichtseinsatz der Solaranlage war auch ein wesentlicher Grund dafür, dass die Energie-AG, wie bereits erwähnt, 15.000 DM Preisgeld der Allianz Umweltstiftung für den Bau der Solaranlage zugesprochen bekam sowie (geteilt mit einer anderen Umweltgruppe) den diesjährigen Preis der Tutzinger Stiftung zur Förderung der Umweltbildung. Umwelterziehung, wie sie die Tutzinger Stiftung versteht, ist keine bloße Bewusstseinsbildung, sondern eine Erziehung zu umweltbewusstem Verhalten. Verhaltensänderungen setzen Handlungsmöglichkeiten vorraus. Der Bau einer Solaranlage, die aufzeigt, dass diese Zukunftstechnologie jenseits aller Technik auch richtig schön sein kann und sich dazu auch noch rechnet, ist ein gutes Beispiel für nachhaltiges Handeln.


Martin Fluch (Webmaster)
Last modified: Tue Apr 3 15:13:36 EEST 2001
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